Gefrorenes Herbstblatt mit feinen Eiskristallen im Winterwald.

In den letzten Tagen habe ich gemerkt, dass ich Perfektionismus eigentlich gar nicht mag.
Ich mag keine perfekten Weihnachtsgüetzli, keine perfekten Menschen – und auch keine, die glauben, sie seien es. Ich mag keine perfekten Kinder, keine perfekten Hunde und keine perfekt durchgetakteten Reiserouten.

Perfektion fühlt sich für mich oft kalt an. Glatt. Austauschbar.
Dabei bedeutet „perfekt“ für mich längst etwas anderes.

Ein Foto muss nicht perfekt sein. Es muss meine Geschichte erzählen, meine Erlebnisse widerspiegeln, ein Gefühl transportieren. Ein Zimtstern muss nicht bis an den Rand mit weisser Glasur überzogen sein – er soll in erster Linie schmecken. Und eine Reise muss nicht optimal geplant sein, sondern Raum lassen für Umwege, Pausen und das, was unterwegs passiert.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir:
Perfektionismus nimmt dem Leben genau das, was es lebendig macht. Er drängt uns in Formen, die selten zu uns passen, und lässt uns glauben, es gäbe nur einen richtigen Weg – den fehlerfreien.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir anfangen dürfen umzudenken. Nicht alles muss makellos sein. Nicht alles muss funktionieren. Nicht alles muss gefallen.
Manches darf einfach echt sein.

Perfektionismus: Warum er uns krank macht – und wie du wieder Leichtigkeit findest

Perfektionismus fühlt sich oft an wie ein stiller Motor, der uns antreibt: noch ein bisschen besser sein, noch mehr leisten, noch ein Ziel abhaken. Was nach Motivation klingt, ist für unseren Körper jedoch häufig ein dauerhafter Alarmzustand. Irgendwann stellt sich die entscheidende Frage: Wozu eigentlich der ganze Stress?

Wenn Leistung zum Dauerstress wird

Stress bedeutet für unseren Körper Aktivierung, Anspannung und maximale Einsatzbereitschaft – so, als würde gerade etwas Lebensbedrohliches passieren. Kurzfristig kann das hilfreich sein. Doch wenn dieser Zustand anhält, richtet er Schaden an.

Anhaltender Stress erhöht den Blutdruck, lässt den Adrenalinspiegel dauerhaft steigen und wirkt sich nachweislich negativ auf unsere Gesundheit aus. Gleichzeitig sinkt unsere Lebensfreude. Typische Folgen von chronischem Stress und überhöhten Ansprüchen sind:

  • Gewichtszunahme
  • Schlafprobleme
  • Verdauungsbeschwerden
  • Tinnitus
  • Burnout
  • Ängste und depressive Verstimmungen

Und all das nur, um Erwartungen zu erfüllen – Erwartungen, die oft nicht einmal unsere eigenen sind.

Perfektionismus wirkt dabei wie ein Verstärker: Er macht den Druck lauter, die Anforderungen enger und erlaubt uns immer seltener, einfach genug zu sein.

Perfekt sein macht nicht glücklich – glücklich sein ist perfekt

Ein Satz, der vieles auf den Punkt bringt:

Perfektion wird uns überall verkauft: die perfekte Beziehung, der perfekte Körper, die perfekte Karriere, die perfekte Morgenroutine. Doch Leben funktioniert nicht in glattgebügelten Bildern. Glück entsteht nicht im Makellosen, sondern im Echten – im Unperfekten, im Menschlichen, im Fehlerhaften.

Die zwei Gesichter des Perfektionismus

Nicht jeder Perfektionismus ist automatisch schlecht. Entscheidend ist, wie er gelebt wird.

1. Perfektionistisches Streben
Diese Form kann motivierend wirken. Sie hilft uns, dranzubleiben, uns weiterzuentwickeln und Ziele zu verfolgen. Fehler gehören dazu und dürfen passieren. Dieses Streben kann eine echte Ressource sein.

2. Perfektionistische Besorgnis
Hier reicht nichts jemals aus. Anerkennung fühlt sich nur dann verdient an, wenn wir überperformen – und selbst dann bleibt Unsicherheit zurück. Dieser neurotische Perfektionismus erzeugt dauerhaften Stress und blockiert Kreativität, Leistungsfähigkeit und Lebensfreude.

Das richtige Mass finden

Perfektionismus ist kein Entweder-oder, sondern ein Kontinuum. Zwischen «zu viel» und «zu wenig» liegt ein gesunder Bereich.

Während perfektionistisches Streben unterstützend wirken kann, verstärkt neurotischer Perfektionismus Stress und seine negativen Folgen. Deshalb lohnt es sich, ehrlich hinzuschauen:

  • Wie perfektionistisch bin ich – und in welchen Situationen?
  • Nützt mir dieser Anspruch wirklich?
  • Oder macht er mein Leben enger?

Gut für sich zu sorgen bedeutet, die eigenen Bedürfnisse, Grenzen und inneren Antreiber zu kennen – und bewusst mit ihnen umzugehen.

Ein Gedanke von Albert Schweitzer bringt das schön auf den Punkt:

«Es ist besser, hohe Grundsätze zu haben, die man befolgt, als noch höhere, die man ausser Acht lässt.»

Übung: Das Unperfektsein trainieren

Unperfekt zu sein kann man üben – und es beginnt erstaunlich leicht:

  • Lass die Wäsche einen Tag länger hängen
  • Komm bewusst fünf Minuten zu spät
  • Lass Mails ungelesen
  • Mach das Bett nicht
  • Verschätze dich einmal um 200 kcal – und bleib entspannt

Diese kleinen Situationen sind Trainingsfelder. Sie zeigen uns, dass nichts Schlimmes passiert, wenn etwas nicht perfekt ist.

Wenn du lernst, das Unperfekte auszuhalten – oder sogar das Gute darin zu sehen –, kannst du diese Haltung Schritt für Schritt auf grössere Themen übertragen. Mit der Zeit entsteht ein neues Muster: Genug ist genug. Und gut ist gut.

Gib dir Zeit. Feiere kleine Fortschritte. Und finde ein Mass, das sich für dich leicht, ehrlich und lebbar anfühlt.

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