Blitz und Glitz begegnen Mavi auf einer blühenden Waldlichtung und erleben den Beginn der Geschichte „Die Flügel aus Mut“.

Der Morgen lag noch still über der kleinen Waldlichtung, als die ersten Sonnenstrahlen zwischen den hohen Tannen hindurchfielen. Auf den Gräsern glitzerten Tautropfen wie winzige Sterne, und irgendwo am Rand des Waldes summte bereits das erste Insekt des Tages.

Blitz sprang barfuss durch das weiche Moos, während Glitz langsamer hinterherlief und die warmen Lichtflecken beobachtete, die zwischen den Blättern tanzten.

„Heute riecht der Wald irgendwie nach Abenteuer“, sagte Blitz grinsend.

„Oder nach Frühling“, antwortete Glitz leise.

Mitten auf der Lichtung entdeckten sie eine kleine Blume, die sich sanft im Wind bewegte. Auf ihrem Stängel sass ein frisch geschlüpfter Schmetterling. Seine Flügel waren wunderschön — orange wie Abendlicht, mit kleinen goldenen Punkten am Rand.

Doch er bewegte sich kein bisschen.

Blitz kniete sich sofort neben ihn.
„Wow! Du kannst bestimmt ganz hoch fliegen!“

Der kleine Schmetterling sah ihn erschrocken an und schüttelte vorsichtig den Kopf.

„Ich glaube nicht“, flüsterte er. „Meine Flügel fühlen sich so neu an. Was, wenn ich falle?“

Glitz setzte sich ruhig ins Gras.
„Wie heisst du denn?“

„Soli“, antwortete der Schmetterling.

In diesem Moment raschelte es hinter einem alten Baumstamm. Ein kleiner Fuchs mit rötlichem Fell trat vorsichtig auf die Lichtung. Seine buschige Schwanzspitze war weiss wie Schnee, und seine bernsteinfarbenen Augen blickten neugierig zu den drei hinüber.

„Das ist Nori“, erklärte Glitz lächelnd. „Er wohnt hier im Wald. Aber meistens tut er nur so mutig.“

Der Fuchs setzte sich hin und tat sofort so, als hätte er das nicht gehört.

„Hab ich wohl gehört“, murmelte er.

Blitz musste lachen.

Nori betrachtete den Schmetterling einen Moment lang. Dann sagte er:
„Beim ersten Sprung über den Bach hatte ich auch Angst.“

„Du?“, fragte Blitz überrascht.

„Natürlich“, antwortete Nori. „Meine Beine haben gezittert wie dünne Äste im Wind.“

Soli blickte auf seine Flügel hinunter.
„Und wenn du ins Wasser gefallen wärst?“

Nori zuckte mit den Schultern.
„Dann wäre ich eben nass geworden.“

Für einen kurzen Moment war es still. Man hörte nur den Wind in den Baumwipfeln und das leise Plätschern des kleinen Bachs hinter der Lichtung.

Glitz pflückte vorsichtig ein Gänseblümchen und hielt es in die Sonne.

„Weisst du“, sagte sie sanft, „Veränderungen fühlen sich oft seltsam an. Vorher warst du eine Raupe. Jetzt hast du Flügel. Das ist etwas Grosses.“

Soli nickte langsam.

„Manchmal denkt man, mutig sein bedeutet, keine Angst zu haben“, sagte Glitz weiter. „Aber eigentlich bedeutet Mut oft nur, es trotzdem zu versuchen.“

Der kleine Schmetterling sah hinauf in den hellen Frühlingshimmel. Seine Flügel zitterten leicht.

Ein Windhauch strich über die Lichtung.

Und plötzlich hob Soli ganz vorsichtig ab.

Nur ein kleines Stück.

Dann noch ein kleines Stück höher.

Blitz sprang begeistert auf.
„Du fliegst!“

Soli machte eine wackelige Kurve durch die Luft. Nicht perfekt. Nicht elegant. Aber er flog.

Nori lächelte zufrieden, auch wenn er sofort so tat, als wäre das nichts Besonderes.

Der Schmetterling drehte eine letzte Runde über die Lichtung, bevor er sich wieder auf einer Blume niederliess.

„Ich hatte immer noch Angst“, sagte er leise.

Glitz lächelte.

„Das ist okay“, antwortete sie. „Manchmal fliegt man nicht trotz der Angst. Sondern mit ihr.“

Über der kleinen Waldlichtung tanzten die Sonnenstrahlen durch die Bäume, und irgendwo zwischen den Blumen flatterte zum ersten Mal ein Schmetterling dem Himmel entgegen. 

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