Der August hatte den Wald in warme Gold- und Grüntöne gehüllt. Die Wiesen standen voller Gräser, über den Feldern summten Bienen und ein sanfter Wind liess die Ähren wie kleine Wellen tanzen.
Blitz und Glitz spazierten über die kleine Waldlichtung, als sie plötzlich ein Rascheln zwischen den Farnen hörten.
Mit einem grossen Satz sprang Nori hervor.
„Ich habe gewonnen!“, rief er stolz.
„Was hast du denn gewonnen?“, fragte Blitz verwundert.
„Na… ich war schneller als das Eichhörnchen dort drüben.“
Das Eichhörnchen Pip kletterte lachend den Baum hinunter.
„Ich wollte gar kein Wettrennen machen.“
Nori wurde ein wenig rot.
„Ach so.“
Kaum hatte Pip seinen Satz beendet, rannte Nori schon wieder los.
„Ich wette, ich bin schneller am Bach!“
Blitz und Glitz liefen hinterher.
Am Bach angekommen, grinste Nori zufrieden.
„Gewonnen!“
Glitz setzte sich auf einen grossen Stein.
„Aber wir sind doch einfach nur spazieren gegangen.“
Nori schaute sie überrascht an.
„Ist es denn nicht schön zu gewinnen?“
Blitz nickte.
„Schon. Aber muss denn immer jemand gewinnen?“
Nori überlegte kurz.
„Ich weiss nicht.“
Während sie weiterliefen, begegneten sie Lumi. Die weise Eule sass auf einem tiefen Ast und beobachtete die vier mit ihren grossen bernsteinfarbenen Augen.
„Guten Morgen“, sagte sie freundlich.
„Hallo Lumi!“, riefen Blitz und Glitz.
Nori trat einen Schritt nach vorne.
„Lumi, wer ist eigentlich der klügste Vogel im Wald?“
Lumi lächelte.
„Darum geht es nicht.“
„Und wer fliegt am höchsten?“
„Auch darum geht es nicht.“
„Und wer gewinnt am häufigsten?“
Lumi legte den Kopf schief.
„Warum ist dir das so wichtig?“
Nori schaute auf seine Pfoten.
„Wenn ich gewinne… dann fühle ich mich irgendwie besonders.“
Lumi schwieg einen Moment.
Dann breitete sie langsam ihre Flügel aus.
„Komm mit.“
Gemeinsam gingen sie ein Stück tiefer in den Wald. Dort stand eine grosse alte Eiche.
Auf ihren Ästen zwitscherten Vögel.
Ein Specht klopfte an den Stamm.
Zwischen den Wurzeln sammelten Ameisen kleine Nadeln.
Über den Farnen schwebte Elio und liess sein warmes Licht durch den schattigen Wald tanzen.
Lumi blickte in die Runde.
„Wer von ihnen ist der Beste?“
Alle schauten sich um.
Blitz zuckte mit den Schultern.
„Eigentlich… keiner.“
Glitz nickte.
„Oder vielleicht alle.“
Lumi lächelte.
„Der Specht kann Dinge, die die Ameise nie schaffen würde. Die Ameise kann Dinge, die Elio nicht kann. Und Elio bringt Licht dorthin, wo der Specht gar nichts sehen würde.“
Nori setzte sich ins Moos.
Zum ersten Mal dachte er länger nach.
„Dann muss also gar nicht jeder dasselbe können.“
„Genau“, sagte Lumi.
„Der Wald wäre ziemlich langweilig, wenn alle gleich wären.“
In diesem Moment sprang Pip auf einen Ast.
„Kommt! Ich habe etwas entdeckt!“
Diesmal rannte Nori nicht los.
Er blieb neben Blitz und Glitz.
Gemeinsam gingen sie gemütlich hinter Pip her.
Zwischen den Bäumen fanden sie eine kleine Lichtung voller wilder Brombeeren.
„Wow!“, staunte Blitz.
„Die hätte ich fast verpasst“, sagte Nori leise.
„Warum?“, fragte Glitz.
„Weil ich immer nur möglichst schnell ans Ziel wollte.“
Lumi lächelte zufrieden.
„Wer nur aufs Gewinnen schaut, übersieht oft die schönsten Momente auf dem Weg.“
Nori pflückte vorsichtig eine Brombeere und reichte sie zuerst Pip.
„Heute darfst du zuerst.“
Pip grinste.
„Danke.“
Dann assen alle gemeinsam die süssen Brombeeren, lachten miteinander und erzählten Geschichten, bis die Abendsonne den Wald in goldenes Licht tauchte.
Auf dem Heimweg blieb Nori plötzlich stehen.
„Weisst du was, Blitz?“
„Hm?“
„Ich glaube, heute habe ich doch gewonnen.“
Blitz schaute verwundert.
„Obwohl es gar kein Wettrennen gab?“
Nori nickte und lächelte.
„Ja.“
„Was hast du denn gewonnen?“
Nori blickte zu seinen Freunden.
„Einen wunderschönen Tag.“
Glitz legte ihm lächelnd eine Hand auf die Schulter.
„Und den kann dir niemand wegnehmen.“
Über der kleinen Waldlichtung begann die Abendsonne langsam unterzugehen. Die Gräser leuchteten golden, die Grillen stimmten ihr Abendlied an und ein warmer Sommerwind strich durch die Bäume.
✨ Seit diesem Tag versucht Nori nicht mehr, überall der Erste zu sein. Denn er hatte gelernt, dass das Leben kein Wettlauf ist. Die schönsten Erinnerungen entstehen oft genau dann, wenn wir aufhören, uns mit anderen zu vergleichen, und beginnen, den Weg gemeinsam zu geniessen. 🦊🌾🍃


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