Skepsis, Gegenwind – und warum ich es trotzdem getestet habe
Als ich zum ersten Mal gelesen habe, dass eine Kiwi vor dem Schlafen beim Einschlafen helfen soll, war ich ehrlich gesagt sehr skeptisch.
Mein erster Gedanke war: So viele Vitamine am Abend pushen doch eher, statt beim Runterfahren zu helfen.
Trotzdem habe ich mir Kiwis gekauft – mit der Idee, es einfach mal zu testen.
Wie so oft im Alltag habe ich es dann aber erst mal vergessen.
Erst einige Zeit später wurde mir nochmals ein Artikel angezeigt, in dem es darum ging, dass Kiwi beim besseren Schlafen helfen soll. Also habe ich tatsächlich angefangen, abends hin und wieder eine Kiwi zu essen. Ohne grossen Plan, eher aus Neugier. Und irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich in diesen Nächten gefühlt besser geschlafen habe.
Als ich das mit Freundinnen geteilt habe, kam Gegenwind.
Die Reaktionen waren ziemlich eindeutig – und ebenfalls skeptisch:
Kiwi vor dem Schlafengehen sei sicher keine gute Idee.
Zu viel Fruchtzucker, zu viele Vitamine, eher aktivierend als schlaffördernd.
Und genau deshalb wurde es für mich erst recht spannend.
Ich probiere gerne Dinge aus – besonders dann, wenn sie auf natürlichem Weg funktionieren könnten und man nichts zu verlieren hat. Vor allem, wenn man schon länger schlecht schläft und bereits andere Mittel kennt.
Kiwi und Schlaf – was wirklich dahintersteckt
Mein persönlicher Eindruck
Mein bisheriges Fazit ist überraschend klar – zumindest subjektiv:
An den Abenden, an denen ich eine Kiwi gegessen habe, schlafe ich gefühlt besser.
Ich schlafe schneller ein, wache nachts weniger unruhig auf und fühle mich morgens etwas erholter.
Ob das tatsächlich an der Kiwi liegt oder ob es Zufall ist, kann ich natürlich nicht beurteilen. Aber genau deshalb wollte ich mir anschauen, ob es dazu wissenschaftliche Hinweise gibt – oder ob das Ganze nur ein gut klingender Internet-Mythos ist.
Die Studie, auf die sich fast alle beziehen
Es gibt tatsächlich eine oft zitierte Studie aus dem Jahr 2011, die den Zusammenhang zwischen Kiwi und Schlaf untersucht hat.
In dieser Studie assen 24 Erwachsene mit Schlafproblemen über einen Zeitraum von vier Wochen jeden Abend zwei Kiwis, etwa eine Stunde vor dem Schlafengehen.
Gemessen wurden unter anderem Einschlafzeit, Schlafdauer und Schlafeffizienz – sowohl über Fragebögen als auch über Bewegungssensoren.
Das Ergebnis:
Die Teilnehmenden schliefen im Durchschnitt schneller ein, wachten seltener und kürzer auf und hatten insgesamt eine bessere Schlafqualität.
Wichtig – und mir sehr wichtig, das ehrlich zu sagen:
Diese Studie ist kein endgültiger Beweis. Die Teilnehmerzahl war klein, es gab keine klassische Placebo-Kontrollgruppe, und Erwartungseffekte könnten eine Rolle gespielt haben. Auch das wird von den Autor:innen selbst so eingeordnet.
Trotzdem ist die Studie interessant – nicht als Wahrheit, sondern als Hinweis, dass an der Sache möglicherweise etwas dran sein könnte.
Wer hat die Studie finanziert – und warum das kritisch betrachtet werden sollte
Ein Punkt, der mir bei der Einordnung der Studie wichtig ist:
Die Studie aus dem Jahr 2011 wurde finanziell von Zespri unterstützt, also von einem grossen Vermarkter von Kiwis.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die Ergebnisse falsch oder manipuliert sind. Die Studie wurde veröffentlicht, die Methoden offengelegt, und auch die Einschränkungen werden von den Autor:innen selbst klar benannt. Trotzdem ist es wichtig, diesen Hintergrund zu kennen.
Denn wenn eine Studie von einem Unternehmen finanziert wird, das direkt vom positiven Ergebnis profitiert, besteht immer das Risiko von:
- unbewussten Erwartungshaltungen,
- einer bestimmten Fragestellung,
- oder einer selektiven Interpretation der Resultate.
Gerade deshalb ist für mich entscheidend, die Ergebnisse nicht als Beweis, sondern als Hinweis zu sehen. Die Studie zeigt, dass es einen möglichen Zusammenhang geben könnte – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Für mich persönlich heisst das: spannend genug, um es auszuprobieren, aber kein Grund, Kiwi als Wundermittel zu feiern.
Warum Kiwi theoretisch den Schlaf beeinflussen könnte
In der Forschung werden mehrere mögliche Gründe diskutiert:
- Kiwi enthält Antioxidantien, die mit besserer Schlafqualität in Verbindung gebracht werden
- Sie liefert Folat, ein Vitamin, das bei Mangel mit Schlafproblemen assoziiert sein kann
- Zudem enthält Kiwi serotonin- und melatoninbezogene Stoffe, die eine Rolle im Schlaf-Wach-Rhythmus spielen
Ob diese Effekte bei jeder Person gleich wirken, ist völlig offen. Schlaf ist komplex – und eine einzelne Frucht wird nie alle anderen Faktoren ausgleichen.
Gelbe Kiwi oder grüne Kiwi – welche ist besser für den Schlaf?
Vielleicht fragst du dich jetzt, ob es einen Unterschied macht, welche Kiwi man isst.
Gerade gelbe Kiwis gelten ja oft als „besonders gesund“.
Hier ganz ehrlich:
Die Studien, die sich mit Kiwi und Schlaf beschäftigen, wurden hauptsächlich mit grünen Kiwis durchgeführt. Es gibt aktuell keine solide Forschung, die gelbe und grüne Kiwis speziell in Bezug auf den Schlaf miteinander vergleicht.
Was man aber weiss:
- Gelbe Kiwis enthalten meist mehr Vitamin C
- Grüne Kiwis liefern tendenziell mehr Ballaststoffe
Ob das für den Schlaf einen relevanten Unterschied macht, ist nicht belegt.
Mein persönlicher Ansatz wäre deshalb ganz pragmatisch:
Die Kiwi essen, die du besser verträgst und lieber magst.
Denn auch das spielt eine Rolle – Verdauung, Wohlbefinden und Stresslevel beeinflussen den Schlaf mindestens genauso stark wie Nährstoffe.
Aber was ist mit dem Fruchtzucker?
Ein häufiges Argument gegen Kiwi am Abend ist der Fruchtzucker. Die Sorge dahinter: Zucker lasse den Blutzucker kurzfristig ansteigen – und mache dadurch eher wach als müde.
Ganz falsch ist dieser Gedanke nicht, aber er greift zu kurz.
Ja, Kiwi enthält natürlichen Zucker. Doch entscheidend ist nicht nur wie viel Zucker ein Lebensmittel enthält, sondern wie dieser im Körper ankommt. Und genau hier unterscheidet sich eine ganze Frucht deutlich von Süssigkeiten oder stark verarbeiteten Lebensmitteln.
Kiwi hat einen niedrigen bis moderaten glykämischen Index. Das bedeutet: Der enthaltene Zucker gelangt langsamer ins Blut, der Blutzuckerspiegel steigt sanfter an und fällt nicht abrupt wieder ab. Verantwortlich dafür sind unter anderem der hohe Wassergehalt und die Ballaststoffe, die die Verdauung verlangsamen.
Auch der Fruchtzucker selbst wirkt anders als reine Glukose. Fruktose führt nicht automatisch zu einem starken Blutzucker-Peak – vor allem dann nicht, wenn sie, wie bei Kiwi, in eine natürliche Lebensmittelmatrix eingebettet ist.
Kurz gesagt:
Eine Kiwi am Abend verhält sich im Körper nicht wie ein süsser Snack oder ein Dessert, sondern eher wie eine kleine, langsam verdauliche Mahlzeit. Selbst wenn der Blutzucker kurzfristig leicht ansteigt, ist das eine normale Reaktion des Körpers – und nicht automatisch etwas, das den Schlaf stört.
Gerade im Vergleich zu vielen typischen Abend-Snacks wirkt Kiwi deshalb deutlich weniger problematisch, als ihr Ruf vermuten lässt
Kein Wundermittel – aber einen Versuch wert
Kiwi vor dem Schlafen ist kein magischer Schlaftrick.
Aber es ist ein einfacher, natürlicher Ansatz, der bei manchen Menschen – mich eingeschlossen – subjektiv etwas verändern kann.
Ob es die Kiwi selbst ist oder das bewusste Ritual am Abend, lässt sich nicht klar trennen.
Und vielleicht ist genau das auch okay.
Wenn du schlecht schläfst und neugierig bist, könnte es ein kleiner, unkomplizierter Selbstversuch sein.
Ohne Erwartungsdruck. Ohne Heilsversprechen.
Einfach beobachten, was es bei dir macht.

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